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Über meinen Nichiren-Buddhismus


Zhiyi: Der Beobachter und das, was zu beobachten ist

[…], the observer and that which is observed are everywhere produced by the matrix of causality and conditions. In all that is produced by causality and conditions, there is emptiness of self.1

Chi-i (Tien-tai), The Great Calm-Observation, Volume 5, Part 3, Page 1


  1. „Der Beobachter und das, was beobachtet wird, ist überall durch das Muster von Kausalität und Bedingungen hervorgebracht. In allem, das von Kausalität und Bedingungen hervorgebracht wird, existiert Leerheit des Selbst.“ (Zhiyi, Große Ruhe-Meditation) 


Das Catuskoti in der buddhistischen Philosophie

Der buddhistische Philosoph Nagarjuna, der wahrscheinlich im 2. Jahrhundert n. Chr. in Indien zur Welt kam und lebte, entwickelte das Catuskoti in der indischen Philosophie, das Urteilsvierkant oder Tetralemma. Das Tetralemma ist eine Denkfigur, die durch logische Argumentation Widersprüchlichkeiten in Begriffen und Konzepten aufzuweisen in der Lage ist. Es beschreibt eine Argumentation, in der in vier Schritten einem gegebenen Objekt eine Eigenschaft zugesprochen, abgesprochen, zugesprochen und abgesprochen und weder zugesprochen noch abgesprochen wird, wie Satyamnitya schreibt. Satyamnitya denkt einen Schritt weiter. Vielleicht denkt er an die Position eines äußeren Betrachters:

und dann kann man noch mit einbeziehen: nichts von alledem

what
Der äußere Betrachter kann z. B. der Mensch sein, der eine Entscheidung zu treffen hat. Die Logik des Catuskoti war ein Weg an indischen Gerichten, um zur Urteilsfindung zu gelangen. Diese Methode der Argumentation hatte zum Ziel, die herkömmliche Ordnung mit ihrem Denken in Gegensatzpaaren nach dem Grundsatz: „Der eine hat Recht und damit hat der andere automatisch Unrecht“ zu überwinden. Diese Argumentation über ein Urteilsvierkant ist in der westlichen Philosophie eher unbekannt. Am besten kann das Denken des Pyrrhon von Elis (1) wohl noch mit einem Tetralemma in Verbindung gebracht werden. (2)

Das Tetralemma ist tief verwurzelt in der buddhistischen Philosophie. So erscheint das System des Catuskoti auch in den Sutras des Palikanons.

Diese spekulativen Ansichten sind vom Erhabenen nicht verkündet worden, sind von ihm verworfen und abgelehnt worden, nämlich:

‚Die Welt ist ewig‘ und
‚die Welt ist nicht ewig‘;
‚die Welt ist endlich‘ und
‚die Welt ist unendlich‘;
‚die Seele ist das gleiche wie der Körper‘ und
‚die Seele ist eine Sache und der Körper eine andere‘; und
‚ein Tathagata existiert nach dem Tode‘ und
‚ein Tathagata existiert nach dem Tode nicht‘ und
’sowohl existiert ein Tathāgata nach dem Tode, als auch existiert er nicht‘ und
‚weder existiert ein Tathāgata nach dem Tode, noch existiert er nicht.‘

Nagarjuna schrieb dazu in seiner mittleren Lehre:

Die dharmas (4) entstehen nicht von selbst, auch nicht aus anderem, nicht aus beidem, nicht grundlos: deshalb wird Nicht-Entstehen erkannt. (5)

Aus diesen Überlegungen entwickelte Nagarjuna seine Lehre von Shunyata.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Pyrrhon_von_Elis#Pyrrhonische_Skepsis
(2) Wolfgang H. Schrader (Hrsg.), Die Spätphilosophie J.G. Fichtes, S. 158
(3) Culamalunkya Sutra, http://www.palikanon.com/majjhima/zumwinkel/m063z.html
(4) Hier ist „dharma“ im Sinne von Ding oder Sache gemeint.
(5) Nagarjuna, Die mittlere Lehre, Erster Abschnitt, Die Bedingungen, http://www.zeno.org/nid/20009227695


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Buddhistische Philosophie und Übersetzungsfehler, Gespräch mit Michael von Brück

Sehr schön ist an diesem Gespräch, wie Michael von Brück auf Übersetzungsfehler eingeht, die entstanden sind, als der Buddhismus nach Europa kam und die ersten Schriften übersetzt wurden. Ein Übersetzungsfehler war, Dukkha mit „Leiden“ zu übersetzen. Auch im Nichiren-Buddhismus gibt es solche Übersetzungsfehler. Ein grober Übersetzungsfehler fiel mir auf, als ich anfing, Nichiren-Buddhismus zu praktizieren. Welcher Witzbold hatte Gridhrakuta mit „Adlergipfel“ anstelle von Geiergipfel übersetzt? Auch der Begriff „Mystisches Gesetz“ stieß mir immer mal wieder quer auf. Das klingt nach irgendeinem komischen Esoterikverein. Ein weiteres Beispiel für eine schlechte Übersetzung ist die „Zeremonie in der Luft“. Im Lotos-Sutra steht an dieser Stelle in Sanskrit „akasha“ für „Luft“. Margareta von Borsig übersetzt das mit Äther und schreibt, dass akasha oft als Synonym für Shunyata benutzt wird. (1)

Martin Bradley von der Hokkeko (Laiengemeinschaft der Nichiren Shoshu) schlägt folgende Übersetzungen der zentralen Begriffe vor. Einige Übersetzungen wie die „Zeremonie in der raumlosen Leerheit“ oder „Allheit des Dharma“ finde ich sehr gelungen.

Mystisches Gesetz: Allheit des Dharma, Utterness of the Dharma
Später Tag des Gesetzes: Endgültige Periode des Dharma Shakyamunis, final era of the dharma of Shakyamuni
Die Zehn Welten: Die zehn Dharmabereiche, the ten realms of the dharmas
Die zehn Faktoren: Die zehn Soheiten, the ten such qualities
Weltliche Begierden: Störende Sorgen, troublesome worries
Wohltaten: Verdienstvolle Tugenden, meritorious virtues
Große Konzentration: Ganzheitliches Ablassen von störenden Sorgen zur ungetrübten Schau und Innenschau, Universal Desistance from Troublesome Worries in order to see Clearly
Lotos-Sutra: Sutra der Dharmablume, Dharma Flower Sutra
Theoretische Lehre: Vorübergehendes Tor, temporary gateway
Wesentliche Lehre: Ursprüngliches Tor, original gateway
Zeremonie in der Luft: Zeremonie in der raumlosen Leerheit, Ceremony in the Spaceless Void
Adlergipfel: Geiergeist-Gipfel, Spirit Vulture’s Peak
Priester: Mönch, monk
Hohepriester: Patriarch, patriarch (2)

(1) vgl. Borsig, Lotos-Sutra, S. 221
(2) Martin Bradley, http://www.hokkeko.de/sonstige_texte.htm


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