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Über meinen Nichiren-Buddhismus


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Säkularer Buddhismus, Thanissaro Bhikkhu und die Reinkarnation

In meinem Beitrag „Plädoyer für einen säkularen Buddhismus ohne Reinkarnation“ stelle ich mir die Frage nach den Dingen hinter Doktrinen wie der Reinkarnation. Diese stellt für mich nur ein geschicktes Mittel, Upaya, dar. Dieses geschickte Mittel ist notwendig, wenn Menschen nicht die ethische Reife oder Größe haben, ohne die harte Drohung einer negativen Konsequenz für die eigene Person ein besseres Verhalten zu zeigen. Die Theorie von der Reinkarnation ist aber Unsinn, weil das personelle „Ich“ den Tod nicht überlebt. Selbst wenn ich buddhistischen Mythen glauben schenke, dass ein Buddha sich an seine Vorleben erinnert, ist die Lehre von der Reinkarnation Bullshit. Wenn ein Buddha sich an alle Vorleben erinnern kann, so kann ein normaler Sterblicher das nicht. Die Erinnerung an Vorleben ist nach manchen buddhistischen Mythen ein Kennzeichen des Buddha. Bin ich ein Buddha, habe ich gutes Karma angehäuft, muss mich vor negativen karmischen Konsequenzen also nicht fürchten. Bin ich kein Buddha, muss ich mich vor negativen karmischen Konsequenzen ebenfalls nicht fürchten, da sich mein neues „Ich“ nicht an meine Vorleben erinnern kann. Ein schicker Zirkelschluss. Verschieden Mahayana-Schulen haben das erkannt und verzichten wenigstens auf die Lehre einer personellen Wiedergeburt. Dort wird nur das neunte Tiefenbewusstsein, Amala, wiedergeboren.

Leider gibt es im Buddhismus des deutschsprachigen Raums nur wenige, die diesen offensichtlichen Widerspruch ansprechen und diskutieren. Der deutschsprachige Buddhismus erschöpft sich oft darin, überholte Verhaltensvorschriften zu kopieren und das Gehirn abzustellen. Aus Bequemlichkeit und Denkfaulheit wird alles an einen Meister abgegeben. Ein Meister, der viele Bücher schreibt, ist Thanissaro Bhikkhu. Er versucht in seinem Aufsatz „The Truth of Rebirth“, die Notwendigkeit und die naturgegebene Richtigkeit der Lehre von der Reinkarnation zu beweisen. Das gelingt ihm auffallend schlecht. Warum ihm das so schlecht gelingt, legt Mark Knickelbine auf dem Blog der Secular Buddhist Association dar. Auch wenn man nicht gut Englisch spricht, lohnt es sich, ein Dictionary zur Hilfe zu nehmen und die Besprechung durchzuarbeiten. Ich empfehle dict.cc.

Schön ist auch John Skrine auf Secular Buddhism UK zu lesen. Ich kann ihm nur beipflichten.

TB makes a lot of the blunt instrument of the wager as a means of keeping us on the path. Would you take a bet on being wrong, the Buddhist equivalent of risking hellfire forever? It doesn’t work for me, and even less when he reduces it to the cash nexus: ‘It’s like having money: Regardless of what you do with it—spending it, investing it, or just stashing it away—you’re making an implicit wager on how to get the best use of it now and into the future. Your investment strategy can’t stop with, “I don’t know.”’ (p. 16). That, I must confess, is where he really lost me.

Der Besprechung möchte ich nur noch Folgendes hinzufügen.

Thanissaro Bhikkhu schreibt:

Prior to awakening, you can’t know these things for sure, but as the Buddha states, if you want to gain awakening and to minimize suffering in the meantime, it’s wisest to assume these principles as working hypotheses.

Wenn die Menschheit nach dieser Maxime gehandelt hätte, gäbe es kein Rad und wir würden nicht mit Feuer kochen. Wozu sollte man Dinge kochen, wenn doch vieles auch roh geniessbar ist? Wozu sollte man das Rad benutzen, wenn man die Dinge auch durch den Dreck schleifen kann? Einer bestimmten Theorie folgend haben die Menschen in Europa eine so rasante technische Entwicklung hingelegt, weil die Menschen das Getreide mahlen mussten. Es ist ungemahlen nicht so nahrhaft wie Reis, der nicht gemahlen werden muss. Unsere technische Entwicklung beruht auf der Notwendig von technischen Erfindungen zur Nahrungsgewinnung wie der Mühle. Klar, wir hätten auch Jäger und Sammler bleiben können…

Thanissaro Bhikkhu schreibt auch:

This motivation is necessary, for while people are not innately bad, they are also not innately good . . . To develop skillful qualities, people need to see the dangers of unskillful behavior and the advantages of skillful behavior.

YouAuf diese Weise benutzt der buddhistische Mönch Thanissaro Bhikkhu mein Argument gegen die Reinkarnation als Argument für die Reinkarnation. Im Klartext sagt er genau das, was ich auch behaupte. Die Lehre der Reinkarnation ist eine Hilfe für Menschen, die ethisch nicht genug entwickelt sind oder nicht genug Intelligenz besitzen. Ihnen kann man mit einer schlechten Reinkarnation drohen und versuchen, sie damit zu einem ethisch besseren Verhalten zu motivieren.

Was denkst du? Hast du auch eine solche Drohung nötig? Musst du auch durch Angst gezwungen werden, dich ethisch korrekter zu verhalten?

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Buddhismuskritik und Erleuchtung

Im buddhistischen Forum buddhaland.de und in verschiedenen Blogs und stellen sich einige Menschen die Frage, was eigentlich hinter den buddhistischen Doktrinen und Lehrinhalten steckt. Der Unbuddhist möchte zum Beispiel den Buddhismus dekonstruieren und dem Kaiser die Kleider ausziehen. Der Autor des Blogs “Säkularer Buddhismus” hinterfragt kritisches Denken im Buddhismus und möchte wissen, ob säkularer Buddhismus zu aggressiv ist. Auch ich stelle mir in meinem Text “Plädoyer für einen säkularen Buddhismus ohne Reinkarnation” die Frage nach den Dingen hinter den Doktrinen.

Was bleibt mir also vom Buddhismus, wenn ich diesen nicht nur als nette Meditationsabwechslung neben Autogenem Training, Tai Chi oder Yoga sehen will? Was bleibt mir von meiner buddhistischen Praxis, wenn ich nicht das darin sehen kann wie verschiedene Menschen im Forum buddhaland.de, die Arhats und Devas werden wollen, über ihre Wiedergeburt nachdenken oder darüber, welche Regeln sie noch befolgen könnten, um sich noch korrekter zu verhalten?

Baum

Mit Sicherheit ist eine schöne und ergiebige Art und Weise, sich mit Buddhismus zu beschäftigen, direkt in die Materie einzutauchen und die Quellen zu studieren. Auf jeden Fall bleibt mir auch das, was meine buddhistische Praxis in meinem jetzigen Leben bewirkt und bewirkt hat. Das ist eine Menge. Dazu brauche ich keinen Glauben an mystische oder metaphysische Gesetzmäßigkeiten, keine Überlegungen über das Leben nach dem Tod und anderer Dinge. Mir ist völlig egal, was mein Buddhismus in der Zukunft für die “wiedergeborenen Teile meiner Selbst” bedeutet. Falls er etwas bedeutet, um so besser.

Meine buddhistische Praxis bedeutet für mich, Sicherheit in meinem Selbst zu finden, Respekt für mich selber zu empfinden, charakterliche Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden, mein Selbstbewusstsein zu steigern und Stabilität in mir zu erzeugen. Ich erschaffe mein reines Land in meiner direkten Umgebung.

Deshalb müssen Sie rasch die Lehrsätze, die Sie in Ihrem Herzen hegen, verändern und das eine Wahre Fahrzeug annehmen, die einzig gute Lehre vom Lotus-Sutra. Wenn Sie das tun, dann wird de gesamte dreifache Welt zum Buddha-Land werden, und wie könnte ein Buddha-Land jemals untergehen? Die Regionen in den zehn Richtungen werden alle zu Schatzreichen, und wie könnte ein Schatzreich jemals Schaden nehmen? Wenn Sie in einem Land leben, das weder Untergang noch Verschlechterung kennt, weder Schaden noch Spaltung, wird Ihr Körper Frieden und Sicherheit finden, und Ihr Herz wird ruhig und sorglos sein. (1)

Und Erleuchtung? Was ist Erleuchtung? Erleuchtung ist keine mystische Explosion bei der es irgendwann mal Plopp macht und ein Lichtbündel aus der Stirn strahlt. Erleuchtung ist kein von dieser Welt losgelöster transzendentaler Zustand. Erleuchtung ist für mich genau das, was das Wort meint. Erleuchtung bedeutet, mit dem buddhistischen Licht in die dunklen Ecken meines Charakters zu leuchten und jeden Winkel hell und freundlich auszuleuchten. Erleuchtung bedeutet für mich, dass ich selbst in den allertiefsten und schwärzesten Niederungen meiner menschlichen Existenz tatsächlich Glück empfinden und gut zu anderen Menschen sein kann.

Die wahre Bedeutung des Erscheinens von Shakyamuni Buddha in dieser Welt lag in seinem Verhalten als Mensch. Wie tiefgründig dies doch ist! (2)

(1) Nichiren, Dt. Gosho, Bd. 2, S. 7 f.
(2) Nichiren, Dt. Gosho, Bd. 2, S. 215


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Plädoyer für einen säkularen Buddhismus ohne Reinkarnation

Wenn Karma unpersönlich ist (Kein-Ich, Anatta) und sich das Ich bzw. Selbst sich sowieso nicht an das letzte Leben erinnert, da es nicht inhärent existent ist, warum sollte ich dann dann gutes Karma ansammeln? „Ich“ erinnere mich doch sowieso nicht daran, dass „ich“ einmal eine andere Person war und dass meine reinkarnierte Wesenheit ein besseres Leben führen und weniger Leid haben könnte. Auch das Blog Säkularer Buddhismus (Buddhismus für Ungläubige) wirft das Thema auf und stellt ein bemerkenswertes Zitat von Ajahn Buddhadasa vor.

Wenn es hier und jetzt keine Seele, keine Person, kein Selbst, kein atta gibt, wie könnte es dann irgendein „wer“ oder einen „jemand“ geben, der hergeht und wiedergeboren wird? Also ist es unmöglich zu fragen, „wer wird wiedergeboren?“. Deshalb kommt die Wiedergeburt der selben Person, eines „Ich’s“ oder “Du’s“ (und darum geht es bei der Reinkarnation) in Wirklichkeit nicht vor.

Die Gedanken anderer Persönlichkeiten gehen in die gleiche Richtung.

Wenn wir Karma und Wiedergeburt richtig verstehen wollen, dann müssen wir diese im Licht des „Nicht-Ich” betrachten. Beide verkünden ganz deutlich das „Nicht-Ich” und doch ziehen die meisten Menschen dies überhaupt nicht in Betracht, sondern sprechen von „meinem” Karma und von „meiner” Wiedergeburt. Besonders „meine” Wiedergeburt ist absurd. (Ayya Khema, Das Herz der Lotusblume, S. 80)

Aus buddhistischer Sicht nimmt das Leben nach dem Tod keine klar umrissene physische Form an und es gibt weder einen „Geist” noch eine „Seele” oder ein Selbst, die in einer festgelegten, unveränderlichen Struktur weiterleben. (Daisaku Ikeda, Das Buch vom Glück, S. 38)

Auch im Forum Buddhaland gibt einen einen lesenswerten Thread über Reinkarnation, Motivation hinter der Kritik am Konzept der Wiedergeburten.

Dieses Thema scheint anscheinend mehr Menschen als nur mich allein zu beschäftigen. Die Aussagen gehen von „Ich akzeptiere die Wiedergeburtslehre vollständig.“ bis hin zu Aussagen wie „Aus diesem Grund spielt dieses Konzept für mich gar keine Rolle. Ich unterstütze es nicht, bekämpfe es auch nicht.“ anderer User.

Ein User erklärt „Wiedergeburt ist für meinen Geist eine moralische Lehre“. Da hat er wohl nicht so ganz Unrecht. In jedem Land, in jeder Philosophie und zu jeder Zeit braucht man ein Mittel, um seine Kinder zu zwingen, ihren Teller leer zu essen.

Ein anderer User vermutet, dass es sich vielleicht um ein geschicktes Mittel handeln könnte. „Wenn man den Gedanken weiterdenkt braucht es eigentlich keine zukünftigen Wesen, die jetzt existierenden (mich eingeschlossen) reichen auch als Grund für ein sinnvoll genutztes Menschenleben. Aber der vorhandene Egoismus ‚meinen‘ Nachfolgern etwas Gutes zu tun ist dann doch näher als ‚allen Wesen‘.“ und ein weiterer User schreibt „Ich halte die Wiedergeburtslehre für einen hinduistischen Fremdkörper (Relikt) in einem ansonsten überaus stimmigen Gedankengebäude.“ Scharf beobachtet, wie ich finde. So wie Jesus Jude war und kein Christ, war Buddha Hinduist und kein Buddhist.

Wie könnte die Theorie der Reinkarnation also in die eigene Denkweise integriert werden? Ist das überhaupt nötig? Für mich ist das nicht nötig. Ich persönlich mache mir nicht die Mühe. Ich glaube nicht an Reinkarnation. Die Lehre von der Reinkarnation erinnert mich an Bertrand Russells Teekanne.

Old LeafNach Theravada und Vajrayana sind mehrere Leben nötig, um zur Erleuchtung zu gelangen. Nach den Lehren einiger Mahayana Schulen wird dazu nur ein Leben benötigt. Allerdings stellt sich dann die Frage, wie dann die moralische Entwicklung bei sehr einfachen, weniger intelligenten, selbstverliebten oder gefühlskalten Menschen, die es nun leider gibt und die wie alle anderen auch die Buddhanatur besitzen, gefördert werden kann. Glaube an das Sutra, der im Mahayana stark betont wird, reicht meiner Meinung nach nicht aus. Anscheinend waren die buddhistischen Lehrer im Altertum einer ähnlichen Meinung. Für mich stellt die Lehre der Reinkarnation einen Versuch dar, das Verhalten der Lebewesen und auf diese Weise das Leid, das anderen zugefügt wird, auf gesellschaftlicher Ebene zu minimieren.

Unpersönliches Karma reicht ohne die Lehre der Reinkarnation völlig aus. Karma bedeutet „Handlung“. Und wenn man zu dieser ursprünglichen Wortbedeutung zurückkehrt, wird der wahre Kern der Lehre deutlich. Gute Handlungen erzeugen gutes Karma bedeutet in diesem Sinne „gute Handlungen bringen gute Handlungen hervor“. Ganz einfach. Dazu braucht man nicht einmal den Buddhismus bemühen. Jedem moralisch und ethisch fähigem Menschen dürfte das klar sein. Gute Handlungen (sozusagen „Karmas“) sind natürlich für die Wesen in der Umgebung förderlich. Aus diesem Grund betont der Mahayana auch auf so markante Art und Weise das Ideal des Bodhisattvas. Wenn die eigene Erleuchtung im Hier und Jetzt möglich ist, dann aus Mitgefühl für alle fühlenden Wesen.

Aus diesen Überlegungen heraus ist ein Glaube an Reinkarnation völlig unnötig. Stellt sich nur noch die Frage, ob der eigene Charakter weit genug entwickelt ist, um ohne diesen Aberglauben leben zu können.