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Über meinen Nichiren-Buddhismus


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Die Regeln des Nichiren-Buddhismus oder was bedeutet es, ein Nichiren-Buddhist zu sein?

In meinen Augen hat der Nichiren-Buddhismus einiges mit dem Protestantismus gemeinsam. Der Protestantismus ist auf der ganzen Welt verschieden und hat als Gemeinsamkeit nur Jesus und das Kreuz, aber nicht die Organisation und nicht die Liturgie. Das Gemeinsame am Nichiren-Buddhismus ist das Chanten von Daimoku und der Gohonzon. Daher ist die Spaltung der Nichiren-Schulen, die von manchen beklagt wird, gar nicht so schlimm. Schlimm ist die Diskussion um die Frage, was die „richtige“ Schule sei. Bei den Christen werden die Protestanten auch heute noch von den Katholiken als Abweichler, Sekte oder Häretiker gesehen. Solche Rivalitäten sind zu vermeiden, wenn eine friedliche Welt für alle Menschen geschaffen werden soll.

Im Artikel What does it mean to be a Nichiren Buddhist? auf Buddhajones gibt es in den Kommentaren eine bemerkenswerte Antwort auf diese Frage:

I’m of the opinion that people who chant daimoku are practicing Nichiren Buddhism. The more complications one adds beyond that, the more conflict will arise.

Add the Gohonzon and you’ll never hear the end of which scrolls are supposedly demon-infested.

Add a religious organization and you’ll never hear the end of which organizations are supposedly wonderful and which are poison.

Add Gosho study and someone will insist on study of the Lotus Sutra.

Add study of the Lotus Sutra and someone will insist on the study of all other sutras, too.

Add Gongyo and the debate will rage: A&C or A,B&C? in English or Sino/Chinese? Three prayers or five prayers or one prayer?

You’ll find it’s not so easy to maintain a simple practice of minimum complication. Many people cannot devote their practice solely to the chanting of daimoku. They feel that there needs to be something more to it. I wonder what, though.

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Thomas Gittel: Auf den Spuren des großen Sektengründers Nichiren und des Lotos-Sutra

Auf den Spuren des großen Sektengründers Nichiren und des Lotos-Sutra
Oder: Und wieder ist es jenseits der touristischen Trampelpfade am schönsten

Thomas Gittel beschreibt in diesem tollen Artikel mit detailreichen Fotos, wie die Umgebung, in der Nichiren vor ca. 700 Jahren lebte, heute aussieht. Schon wegen der Fotos ist dieser Artikel lesenswert. Nicht jedem ist die Möglichkeit gegeben, eine Rundreise um Kamakura zu machen. Dieser Artikel bietet eine kleine Ahnung.


Nichiren in Technicolor

Kitschige Filme über einen Religionsstifter und dessen Wirken in Technicolor zu drehen, ist kein Alleinstellungsmerkmal christlicher Momumentalfilme wie „Die Passion Christi“. Auch der Nichiren-Buddhismus bediente sich Mitte des letzten Jahrhunderts der damals ultramodernen Technologie, um seine Botschaft auf Zelluloid zu bannen.

Folgender Clip zeigt einen Ausschnitt aus dem Film „Nichiren and the Great Mongol Invasion“ von 1958. Dargestellt ist in der Szene, wie Nichiren auf dem Weg in die Verbannung nach Sado in der Hinrichtungsstätte Tatsunokuchi enthauptet werden soll. Nach der Überlieferung tauchte ein leuchtender Komet am Himmel auf und versetzte seinen Henker in Angst und Schrecken. Der Henker war so entsetzt, dass er nicht wagte, Nichiren hinzurichten. Im Film ist das „etwas“ dramatischer dargestellt und entspricht nicht ganz der Legende: Ein Blitz aus dem Himmel trifft das Schwert des Henkers und streckt den Bösewicht zu Boden… 😎

Wer sich für den ganzen Film interessiert, kann ihn sich auch mit englischen Untertiteln anschauen.


Sansho shima und die Armee des Teufels des sechsten Himmels

Sansho shima

Sansho shima

The Daily Zen philosophiert darüber, warum es sinnvoll ist, einen kulturellen Eklektizismus zu pflegen. Das ist eine ausgesprochen positive Einstellung zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, wie ich finde. In der Religion wird der Eklektizismus als Synkretismus bezeichnet. Wenn es eine Religion gibt, die sich wirklich mit Synkretismus auskennt, dann ist das der japanische Buddhismus. Nicht nur, dass er chinesischen Naturgötterglauben in den Buddhismus integriert hat (Dankbarkeit für die Shoten Zenjin, die schützenden Kräfte der Natur oder des Universums), auch der japanische Ahnenkult und seine Naturgeisterbeschwörungen fanden Platz in den verschiedenen Schulen des japanischen Buddhismus. Daher finde ich es auch nicht schlimm, diese speziellen Elemente zu entfernen, wenn sie nicht mehr von Nutzen und dem heutigen Denken vielleicht sogar abträglich sind.

Ein Konzept im japanischen Buddhismus, das zum Teil synkretistisch übernommen wurde, ist das Konzept der „drei Hindernisse und vier Teufel“, Sansho shima. Diese hindern die Menschen daran, die Buddhaschaft zu erlangen. Die „drei Hindernisse und vier Teufel“ versperren ihnen den Weg zur Erleuchtung. Um mir selber den Kopf zu waschen und den richtigen Weg zu finden, halte ich dieses Konzept für vorteilhaft. Auch Nichiren hatte dieses Konzept schon von Chih-I aus dem Tendai übernommen:

Wenn Sie sie (die Lehre des Lotos-Sutras) verbreiten, werden bestimmt Teufel erscheinen. Wenn diese nicht kämen, gäbe es keinen Weg zu wissen, daß diese die wahre Lehre ist. Ein Absatz aus demselben Band (5. Band der Maka Shikan) lautet: „Wie die Ausübung fortschreitet und das Verstehen wächst, tauchen die drei Hindernisse und vier Teufel auf, die einander darin übertreffen zu stören … Sie sollten sich weder von ihnen beeinflussen lassen noch Furcht haben. Wenn Sie ihrem Einfluß unterliegen, werden Sie auf die Pfade des Bösen geführt werden. Wenn Sie Furcht vor ihnen haben, werden Sie an der Ausübung des Wahren Buddhismus gehindert werden.“ (1)

Die drei Hindernisse sind:

  • Hindernisse der eigenen Begierde (Bonno-sho) und aus den drei Giften (Habgier, Ärger und Ignoranz),
  • Hindernisse aus dem Karma (Go-sho), entstanden durch Verletzung der ersten fünf Silas oder das Begehen der zehn schlechten Taten (2),
  • und Hindernisse durch karmische Vergeltung (Ho-sho), schmerzliche Bestrafung für Taten in den drei niederen Wegen (Hölle, Hunger und Animalität). (3)

Die vier Teufel sind:

  • On-ma hindert durch die Disharmonie der fünf Komponenten (4) (z. B. Krankheiten des Körpers und des Geistes).
  • Bonno-ma hindert durch irdische Begierden oder Illusionen, die sich aus den drei Giften ergeben (auch oberflächliches Verständnis und Zweifel am Buddhismus).
  • Shi-ma hindert durch den Tod selbst. Damit ist sowohl dem eigene als auch der Tod nahe stehender Menschen gemeint (auch die Angst vor dem Tod kann Menschen an der Richtigkeit des Buddhismus zweifeln lassen und sie an der Ausübung hindern).
  • Tenji-ma, der Teufel des sechsten Himmels, ist die gefährlichste Kraft aller negativen Kräfte. Der Teufel des sechsten Himmels stellt die fundamentale Dunkelheit dar, die im Leben selbst enthalten ist. Der „Teufel des sechsten Himmels“ benutzt die eigenen Lebenstendenzen der jeweiligen Person, um diese Menschen von der Erleuchtung abzuhalten. Diese müssen nicht unbedingt negativer Natur sein, sie können auch als himmlische Verlockung daherkommen.

Teufel sind im buddhistischen Sinne Funktionen, die einem Menschen das Leben nehmen oder an der Ausübung guter Taten hindern. Teufel heißen in anderen buddhistischen Richtungen „Mara“ und sind aus dem Hinduismus übernommen. Mara entlehnt sich wahrscheinlich aus der mythologischen Figur Yama aus der Rigveda. Yama war der erste Tote der Menschen und wohnte am äußersten Ende des himmlischen Reiches, um die Verstorbenen dort in Empfang zu nehmen. Später verlegte sich das Reich der Toten in die Unterwelt und Yama wurde zu dem teuflischen Wesen König Enma. König Enma ist im Buddhismus der „Teufel des Todes“. Auch Shiva fand synkretistisch seinen Platz im Buddhismus und wurde zum „Teufelskönig des sechsten Himmels“ oder kurz zum Teufel des sechsten Himmels. (5)

Es ließe sich jetzt noch eine lange Liste diverser dämonischer Wesen aus den verschiedenen Sutras anfügen. Da sind zum Einen die „hungrigen Geister“ (Pretas), die Toten und Totengeister, zum Anderen die übernatürlichen Dämonen wie Yasha (Yakshas) und Rasetsu (Rakshasas). Yasha und Rasetsu sind animistische Götter, die in Flüssen, Bergen und den Sternen wohnen. In China waren animistische Götter geläufig und weit verbreitet und konnten somit gut in den Buddhismus „eingebaut“ werden. In Japans damaliger animistischer Kulturlandschaft wimmelte es nur so von Wesen in Felsen, Flüssen und Seen, dass es auch für die japanische Kultur kein Problem war, die eigenen „Teufel“ mit der Übernahme des Buddhismus neu zu etikettieren und synkretistisch „einzubauen“. (6)

Ich bewerte diese „Teufel“ heute neu und versuche sie in einen modernen Kontext zu bringen. „Teufel“, besser teuflische Funktionen, sind schlechte Funktionen, die Menschen aus ihrem Inneren heraus negativ beeinflussen. Teuflische Funktionen stellen negative Prinzipien dar und können das Leben der Menschen auf machtvolle Weise in die Irre führen. Die Personifizierung dieser Kräfte als „Teufel“ hilft mir, dass ich besser und konzentrierter gegen sie arbeiten kann.

Diese Themenkomplexe können die „Armee des Teufels des 6. Himmels“ manifestieren:

  • Wünsche
  • Sorgen
  • Geistiger und physischer Hunger
  • Vergnügungssucht
  • Geistige Unbestimmtheit und Mangel an Verantwortung
  • Zweifel und Bedauern
  • Angst
  • Ärger
  • Beschäftigung mit Reichtum und Ruhm
  • Arroganz und Verachtung für Andere

(1) Nichiren, Brief an die Brüder, Dt. Gosho Bd.1 S.3, engl. http://www.sgilibrary.org/view.php?page=493, Matsudo ersetzt in seiner Übersetzung „Wahren Buddhismus“ durch „Rechten Dharma“.
(2) Mit dem Körper: töten, stehlen, lüsterne Handlungen; mit dem Mund: lügen, zweizüngig sprechen, beleidigend sprechen, sinnloses schwatzen; mit dem Geist: gierig sein, zornig und hasserfüllt sein, ignorant sein. Dieses Hindernis auf dem buddhistischen Weg wird von Nichiren als Hindernis durch Partner und Kinder gedeutet.
(3) Nichiren deutet dieses Hindernisse als Hindernis durch Vertreter weltlicher Macht und durch die Eltern, also im weitesten Sinne durch Autoritäten.
(4) Form (Körper und die fünf Sinne), Wahrnehmung (Prozess), Begriffsvermögen (Emotion, Meinung, Vorstellung), Entschluss (Wille zum Handeln), Bewusstsein.
(5) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 96
(6) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 97


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Nichiren und der späte Tag des Gesetzes oder das Problem mit der Mappo-Ära

Ein besonderes Thema, das meiner Meinung nach im Nichiren-Buddhismus mit etwas Vorsicht betrachtet werden sollte, ist Nichirens Betonung der Mappo-Ära, d. h. das Zeitalter des späten Tages des Gesetzes. Für mich besitzt das Thema in unserer Zeit keine wirkliche Relevanz. Eine Art von Eschatologie gab es zu jeder Zeit in jeder Philosophie und in jeder Religion. Besser drückt sich der Asso-Blog aus: Mappô, das Zeitalter des Dharma-Verfalls, ist jederzeit.

Vielmehr ist und war mappô stets gegenwärtig. Auf einer gedachten Zeitachse werden wir immer wieder Beispiele dafür ausmachen, und ein paar aktuelle und hier immer mal wieder anzureißende […].

Trotzdem lohnt es sich, Nichiren gerade in diesem Thema verstehen zu lernen. Gerade aus dieser Denkweise ergibt sich seine radikale Haltung, die ihm heute zum Vorwurf gemacht und von manchen falsch verstanden wird.

Nichiren lebte in einer Zeit (1), die von Naturkatastrophen, Epedemien und Hungersnöten geplagt wurde. (2) Dazu kam die Bedrohung Japans durch die Mongolen. (3) In all diesem Chaos übernahmen die Samurai, der Kriegerstand, die Macht im feudalen Japan. Die Samurai schoben sich langsam, aber sicher und brutal, zwischen herrschenden Besitzadel, den Kaiser und das Volk. (4) Nichiren erlebte diese Machtübernahme am eigenen Leib, da sein Tendai-Tempel Seichoji von den Beamten des Shogunats auf verschiedene Art bedrängt wurde. Der oberste Shogunatsbeamte benutzte das Tempelgelände zur Jagd auf die dort ansässigen Rehe (5) und das Shogunat drängte die Tendai-Mönche zur Konvertierung zum Nenbutsu. Ziel der Belästigungen war die Übernahme des Tempelgeländes aus dem Besitz des Gutsherren in den Besitz des Shogunats. Nichiren war an diesen Auseinandersetzungen beteiligt, da er auch juristische Bildung besaß und für seinen Gutsherren ein Gerichtsverfahren einleitete, das in seinem Sinne entschieden wurde. (6) Die Macht der Samurai vergößerte sich immer weiter und schaffte die alte Ordnung der Welt Nichirens in bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den Clans ab. 200 Jahre später stellten einzelne Familien Heere von bis zu 85.000 (!) Soldaten auf. Das war seinerzeit für europäische Verhältnisse unvorstellbar. (7) In diesem Chaos existierten mindestens 10 verschiedene Buddhistische Schulen, die jeweils für sich die Wahrheit beanspruchten und diesen Zustand nicht ändern konnten. (8)

Duckleaves

Nichiren war vollkommen überzeugt, das diese Verhältnisse das Ergebnis der Verleugnung des buddhistischen Dharmas darstellten. Für einen Menschen im feudalen Mittelalter nicht ungewöhnlich. Auch in Europa bereitete man sich zeitgleich auf das Ende der Welt vor. (9) Niemandem war damals bekannt, dass unter den japanischen Inseln vier tektonische Platten aneinanderstoßen und Japan direkt an einem Tiefseegraben auf dem Pazifischen Feuerring liegt. Also mussten es natürlicherweise die Verstöße der Menschen gegen den Dharma sein, die Erdbeben und Tsunamis hervorriefen.

Nichiren war einer der gelehrtesten Männer seinerzeit und nach 20 Jahren Studium verschiedener Schulen des Buddhismus kannte er sich mit dem in Japan sehr verbreiteten Mappo-Glauben aus. Dieser gründete sich vor allen Dingen auf die Schrift “Die Leuchte in der Endzeit des Dharma” des Tendai-Gründers Dengyo Daishi aus dem Jahr 801. (10) Allerdings beruft sich Nichiren auch auf andere Quellen, wie das “Sutra der großen Versammlung” (Mahasamnipata Sutra, Daijikkyo Sutra, Sutra of the Great Assembly oder Great Collection Sutra). In beiden Quellen wird eine unterschiedliche Anzahl von Zeitaltern angegeben, aber beide Quellen kommen zum Ergebnis, dass die Endzeit des Dharma 2000 Jahre nach dem Tode Shakyamunis beginnt. (11)

Stand der buddhologischen Wissenschaft zu Zeiten Nichirens war, dass Buddha Shakyamuni von 1029 v. Chr. bis 949 v. Chr. lebte. Alle buddhistischen Lehrer seinerzeit waren sich mit Nichiren darüber einig, dass sich Japan daher rechnerisch in der “Endzeit der bösen Welt” (12) des Lotos-Sutras befand. (13) Hinzu kam Nichirens persönlicher Glaube an die absolute Authentizität des Lotos-Sutras. Nichiren war der Überzeugung (wie wohl andere buddhistische Gelehrte seiner Zeit auch), dass das Lotos-Sutra von Shakyamuni höchstpersönlich in den letzten acht Jahren seines Lebens gelehrt und verbreitet wurde. (14) Heute wissen wir, dass das Lotos-Sutra vermutlich unter mehreren Autoren im 1. bis 2. Jahrhundert n Chr. (also ca. 400 – 700 Jahre nach Buddha Shakyamunis Tod) entstand und um 350 n. Chr. in Kuqa (heutiges China) von Suryasoma, dem Lehrer Kumarajivas, aus Einzelteilen zusammengesetzt und aufgezeichnet wurde. Da sich Nichiren für das Lotos-Sutra als Zentrum seiner Lehre entschieden hatte, entlehnte er den Mappo-Gedanken auch dort und ging noch einen Schritt weiter, indem er sich als Vollender der Weissagungen im Lotos-Sutra ansah.

Wenn da ein Bodhisattva ist, der in künftiger böser Zeit […] dieses Sutra zu predigen wünscht, […]
Er soll beständig den Umgang mit dem Landes-König, dem Kronprinzen, den Ministern, Beamten und den Älteren, […] Mit Chandalas, Häretikern und Brahmacarins meiden. (15)

Nichiren sah sich genau in dieser Rolle und erfüllte später diese Forderung mit der Rissho Ankoku Ron. Er trat damit genau den oben genannten Personen entgegen. Allerdings nahm er es mit der wortgetreuen Auslegung seiner Quellen nicht so ganz genau.

Genauso verhält es sich auch mit mir, Nichiren, der ich in diesem Leben arm und auf niedriger sozialer Stufe in eine Chandala-Familie geboren wurde. (16)

Das schrieb er im Brief von Sado und setzte sich zeitlebens mit seiner ganzen Kraft gerade für die Belange der einfachen, armen und misshandelten Menschen, also Chandalas, der untersten Schicht der feudalen Gesellschaft Japans ein. Dass er in diesem Fall die weiter oben zitierte Stelle des Lotos-Sutras einfach ignorierte, machte ihn so zu einem absolut politischen und für die damalige Zeit sehr gefährlichen Menschen. Er wusste genau, wie er die Schriften einsetzen musste, um größere Dinge anzuschieben. Auch beim Mappo-Gedanken nahm er es mit den Worten und Bedeutungen nicht immer so ganz genau. Die “Endzeit der bösen Welt” (17), die das Lotus-Sutra als die fünfhundert Jahre nach Buddha Shakyamunis Tod definiert, deutete Nichiren einfach in die fünfte Periode der fünfhundert Jahre nach Buddha Shakyamunis Tod um, was ihm immens weitreichendere Deutungsmöglichkeiten eröffnete. (18)

Für Nichiren folgte daraus, dass unbedingt eine Ausübung verbreitet werden musste, die den Dharma nicht mehr verletzte und für seine Interpretation der Mappo-Ära (Später Tag des Gesetzes) taugte. Dafür eignete sich seiner Meinung nach nur das Lotos-Sutra, weil es die Gleichheit der Menschen als einziges Sutra neben dem Nirvana-Sutra betont und mit dem Nirvana-Sutra die Buddhaschaft in jedem Menschen offenbart.

Es ist dabei kein Wunder, dass Nichiren seinerzeit Zen ablehnte und als “Teufelswerk” bezeichnete. Die damalige Schule des japanischen Zen lehnte Schriftstudium komplett ab und ging sogar soweit, Sutras und buddhistisches Studium als völlig nutzlos und überflüssig zu erklären. (19) Für Nichiren, der 20 Jahre mit dem Studium von Sutras und der buddhistischen Philosophie verbrachte, ohne Frage ein absolutes Unding und die Verletzung des Dharmas schlechthin. Honen musste eine nicht zu überbietende Provokation für Nichiren darstellen, indem er schrieb “Wer im Paradies wiedergeboren werden will, spreche einfach Namu Amida Butsu und glaube ohne jeden Zweifel an diese Wiedergeburt. Weiter ist nichts erforderlich”. (20) Für Nichiren war es außer Frage, dass das Analphabetentum in Japan nicht eine spezielle Lehre erforderlich machten, wie Honen glaubte: “Wer auf das Nenbutsu vertraut, verhält sich wie ein einfacher, des Lesens und Schreibens unkundiger Mensch, selbst wenn er alles, was Shakyamuni während seines ganzen Lebens lehrte genau studiert hat.” (21) Für Nichiren war klar, dass den Menschen die Gegelegenheit gegeben werden musste, eine Lehre zu praktizieren, die sie größer und stärker machte und weiter brachte. Daraus resultiert meiner Meinung nach seine absolute Ablehnung des Zen und des Amithaba. Seinerzeit eine moderne und politische Einstellung, ist diese heute nicht mehr haltbar, da sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen geändert haben.

Was macht also die unverwechselbare Art von Nichiren aus? Für mich auf der einen Seite ganz klar seine politische Art und Weise, den Buddhismus in die Gesellschaft zu tragen und im täglichen Leben danach zu handeln. Heute ist dies kein exklusiver Anspruch mehr, das machen andere Schulen auch. Und ehrlich gesagt, in größerem Umfang als die Nichiren-Schulen es tun. Auf der anderen Seite liegt für mich die Unverwechselbarkeit von Nichirens Lehre auch darin, dass sie mich innerlich aufrichtet und mir sagt, dass ich schon immer komplett und gut war und bin. Das ist für mich wie eine Rüstung im täglichen Leben und in der Auseinandersetzung mit meinen Problemen. Aber auch das ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Die Lehre des Chögyam Trunpa erinnert mich an einigen Stellen an die Lehren des Daishonin. (22) Ich bin mir sicher, dass Chögyam Trungpa in buddhistischer Lehre sehr bewandert war und auch die Lehre Nichirens kannte. Eine weitere Botschaft des Daishonin liegt für mich darin, dass der Dharma-Verfall de facto zu jeder Zeit stattgefunden hat und praktisch jederzeit stattfindet. Den Verfall in seiner Umgebung zu erkennen und ihm dann entgegen zu wirken, ist eine Aufgabe, der wir uns unabhängig unserer buddhisischen Richtung stellen sollten.

(1) Nichiren wurde am 16. Februar 1222 geboren und starb am 13. Oktober 1282.
(2) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 61 f.
(3) Angriff der Mongolen, http://www.welt-der-samurai.de/mongolen.html
(4) Welt der Samurai, http://www.welt-der-samurai.de/geschichte.html
(5) Nach der buddhistischen Mythologie hielt Shakyamuni Buddha seine erste Lehrrede bei Benares in einem Park mit Rehen.
(6) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 84 – 85
(7) Der Onin-Krieg, http://www.welt-der-samurai.de/geschichte.html#historie
(8) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 58
(9) http://de.wikipedia.org/wiki/Antichrist#Mittelalter
(10) The Candle of the Latter Dharma, http://nichirenscoffeehouse.net/books/Candle.html
(11) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 81 – 82
(12) Borsig, Lotos-Sutra, S. 301
(13) http://de.wikipedia.org/wiki/Vier_neue_buddhistische_Schulen
(14) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 82
(15) Borsig, Lotos-Sutra, S. 253
(16) Nichiren, Der Brief von Sado, Dt. Gosho, S. 169, engl: http://www.sgilibrary.org/view.php?page=303, linke Spalte, letzter Absatz
(17) Borsig, Lotos-Sutra, S. 301
(18) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 82 – 83
(19) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 66 – 68
(20) Rolle, Jodo Shinshu, Genese und Lehre einer japanischen Tradition des Mahâyâna sowie ihre Reflexion im Rahmen der Evangelischen Systematik, S. 150
(21) Honen, Ichimaikishomon, Ein-Seiten-Testament
(22) Trungpa, Weltliche Erleuchtung, Der essentielle Trungpa