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Über meinen Nichiren-Buddhismus

Der Karmagedanke und seine bestialischen Auswirkungen

6 Kommentare

Oft schäme ich mich für die Einstellungen religiöser Menschen. Ich schäme mich auch oft meiner buddhistischen Freunde. Und ganz besonders dann, wenn es um religiöse Systeme, wie zum Beispiel Karma, geht.

Dass die Menschen auf dieser Erde vielleicht doch eine kleine Chance haben (die Umwelt leider nicht, den Punkt zur Umkehr hat die Menschheit leider verpasst), denke ich immer dann, wenn ich von Menschen wie Rambhadracharya höre. Solche Menschen bewundere ich. Da kann Mutter Theresa, die in ihren veröffentlichten Aufzeichnungen ihren Gott für tot erklärt hat, einpacken. Was muss in einer desillusionierten alten Frau vorgehen, die Sterbenden, die große Schmerzen erleiden, Schmerzmittel mit der Begründung verweigert, man komme damit Jesus nahe?

Der Guru Rambhadracharya, selber blind, hat in Chitrakoot im indischen Bundestaat Uttar Pradesh eine Universität gegründet. 1100 Studenten können hier studieren: Sehbehinderte, Hörbehinderte, und Körperbehinderte. Sie studieren Musik, Gesang, Kunst, Sprachen, Geisteswissenschaften, Psychologie, Informatik und Management. Für das Sudium an der Uni werden keine Studiengebühren erhoben. Unterkunft, Essen und medizinische Versorgung sind kostenlos. 1100 Menschen von 90 Millionen Behinderten im ganzen Land. Rette einen Menschen und du rettest die ganze Welt.

Wirklich schockiert hat mich die tiefe Überzeugung der jungen Männer, dass ihre Behinderung eine Strafe für böse Taten im vergangenen Leben ist. Wie sagt Richard Dawkins?

Der Grund, weshalb organisierte Religion offene Feindschaft verdient, ist, dass Religion, anders als der Glaube an Russells Teekanne, mächtig, einflussreich und steuerbefreit ist und systematisch an Kinder weitergegeben wird, die zu jung sind, sich dagegen zu wehren. Kinder sind nicht gezwungen, ihre prägenden Jahre damit zu verbringen, verrückte Bücher über Teekannen auswendig zu lernen. Staatlich subventionierte Schulen schließen keine Kinder vom Unterricht aus, deren Eltern das falsche Aussehen der Teekanne bevorzugen. Teekannen-Gläubige steinigen keine Teekannen-Ungläubigen, Teekannen-Renegaten, Teekannen-Ketzer und Teekannen-Lästerer zu Tode. Mütter warnen ihre Söhne nicht davor, Teekannen-Schicksen zu heiraten, deren Eltern an drei Teekannen statt an eine glauben. Leute, die ihre Milch zuerst einschenken, schießen nicht jenen, die den Tee zuerst einschenken, die Kniescheiben weg.

Den fünfzigminütigen Film über die Uni im indischen Chitrakoot kannst du bei Arte anschauen:

http://www.arte.tv/de/6576534,CmC=6576530.html

Videos von Rambhadracharya gibt es bei Youtube:

http://www.youtube.com/results?search_query=Rambhadracharya

6 thoughts on “Der Karmagedanke und seine bestialischen Auswirkungen

  1. Mit dieser direkten Interpretation des Karmagedanken habe ich schon lange Probleme.
    In den späten 70ern und frühen 80ern kam bei mir Sympathie für einige Aspekte des Buddhismus auf. Ein Kommilitone von mir hatte engen Beziehungen zu zwei französichen Klöstern. Einerseit imponierte mir die Nonchalance mit der auch dortige Lamas ihre Religion praktizierten. Andererseits schockierte mich die fast schon panische Angst meines Bekannten während eines Urlaubs in Frankreich auf seinem Grundstück, das er vom Kloster erworben hatte, man könne durch versehentliches Umbringen oder Schädigen von irgendwelchen Organismen auf seinem Grund sein Karma negativ beeinflussen, da er ja schließlich für das Verhalten seiner Gäste mitverantwortlich sei.
    Im Labor glaubte er Algensuspensionen nach ihrem Einsatz für seine Versuchszwecke vor dem Ausguss „retten“ zu müssen, in dem er sie in den Weiher rund um ein benachbartes Schloss entleerte, wo sie seiner Meinung nach bessere Überlebenschancen hatten, aber erhebliche Algenblüten mit negativen Folgen für die sonstigen Organismen im Weiher verursachten.
    Im Grunde pervertiert eine solche Interpretation den Karmagedanken, da es letztlich doch weniger darum geht „der Welt Gutes zu tun“ als vornehmlich um egoistische Motive, nämlich vor allem quasi die eigene „Seele“ zu retten. Dies konkret zu erleben war für mich damals ein Grund zumindest an dem SO dargebrachten Buddhismus zu zweifeln.
    Und religiöse Führer, die eine solche Interpretation durch angstmachende Äußerungen (vor einer irgendwie gearteten Hölle oder niederen Wiedergeburten etc.), Schuldzuweisungen usw. fördern, machen sich in meine Augen schuldig am Leid anderer und pervertieren damit in meinen Augen ebenfalls buddhistische und auch christliche Prinzipien, ich vermute, dass für den Islam oder das Judentum ähnliches gelten kann.
    Ich bin sicher ein weitgehender Laie, was den Buddhismus und auch das Christentum angeht, ich praktiziere einfach nur, was mir einsichtig ist und hilfreich erscheint. Der Karmagedanke bedeutet für mich einfach die Formulierung der Tatsache, dass jede Handlung Folgen hat und letztlich den Lauf der Welt verändert. Natürlich hat das Folgen auch für einen selbst, denn jede Handlung verändert den Lauf meiner eigenen Geschichte und den den meiner unmittelbaren Umgebung. Handlungen, von denen zumindest anzunehmen ist, dass sie einen, wie auch immer definierten, positiven Einfluss auf die Geschichte haben, sind daher zu bevorzugen. Mehr muss ich für mich gar nicht in den Karmagedanken interpretieren, denn zuende gedacht ist das bereits ein sehr mächtiges Prinzip. Angst oder Schuld hat für mich dort keinen Platz.
    Das ich wieder einige Sympathien für Zen entwickelt habe liegt daran, dass mir (allerdings auch nicht bei allen Vertretern) doch das System als offener erscheint und gerade das Gehen eines eigenen Weges möglich und erwünscht ist, zumindest empfinde ich es so.

    • Der Karmagedanke bedeutet für mich einfach die Formulierung der Tatsache, dass jede Handlung Folgen hat und letztlich den Lauf der Welt verändert. Natürlich hat das Folgen auch für einen selbst, denn jede Handlung verändert den Lauf meiner eigenen Geschichte und den den meiner unmittelbaren Umgebung. Handlungen, von denen zumindest anzunehmen ist, dass sie einen, wie auch immer definierten, positiven Einfluss auf die Geschichte haben, sind daher zu bevorzugen.

      Das ist eine wirklich sehr gute Erkenntnis. So sehe ich das mittlerweile auch. Als ich noch um einiges jünger war, drohte sich bei mir fast auch so eine psychische Störung (so sehe ich das), die auf falsch verstandener Karmaphilosophie beruht, auszubilden. Da ich aber zum Nachdenken und Überprüfen neige, hatte das keine sehr großen Nachwirkungen.

      Zwei Personen des San Francisco Zen Center finde ich ganz toll. Der eine ist Issan Dorsey und der andere Suzuki Roshi.

      Suzuki Roshi hat mal was Geniales über die zwölf Glieder des bedingten Entstehens gesagt. Diese zwölfgliedrige Kausalkette wird ja auch immer wieder gerne von engstirnigen und kleingeistigen Menschen Wort für Wort wörtlich verstanden. Suzuki Roshi sagte in einer Dharmarede am 23. August 1969:

      Es gibt zwei Arten des Verständnisses der zwölfgliedrigen Kausalkette. Die eine bezieht sich auf die Ursache des Lebens. Die andere jedoch, die auf den älteren Schriften (âgama) beruht, bezieht sich auf die Ursachen des Leidens. Dort gibt es keine drei Zeiten und im Grunde auch keine zusammenhängenden zwölf Glieder.

      [Die Geburt als 11. Glied ist die Geburt des Leidens, dass durch die vorhergehenden Glieder erklärt wird; das 12. Glied (Alter und Tod) interpretiert Suzuki so, dass Unwissenheit und falsches Handeln zu Leiden führen, dass wie Alter und Tod sei.]

      Quelle: Best of Shunryu Suzuki (I): Die Kausalkette

      Dieses Verständnis des Bedingten Entstehens führt zu wahrer Befreiung. Genau wie du oben beschrieben hast, muss der Karmagedanke in diesem Sinne entrümpelt werden.

  2. Der befreiende Aspekt der Aufklärung wird ja leider häufig unterschätzt. In einem Buch, das ich mir nur wegen des Titels aus der 1€-Kiste mitgenommen habe gibt es dazu auch eine schöne Stelle. Der Sohn führt seine Mutter, die mehr Haussklavin als Mensch ist, Stück für Stück an die Welt heran.

    Tabus, Prüderie, Scham, ich überwand sie, Stufe um Stufe, indem ich ihr von Gott sprach, an den sie ganz aufrichtig glaubte: Gott hat doch nicht den Körper und Organe schaffen können, derer man sich schämen müsste, nicht wahr? Morphologie, Physiologie und die farbigen Abbildungen taten das übrige. Und die gepfefferten Witze, Frucht eigener Erfahrungen, die mein Bruder zwischen zwei Lachausbrüchen zum Besten gab. Mit fünfunddreißig Jahren begriff sie endlich, warum und wie sie menstruierte. Bis dahin war sie überzeugt gewesen, eine „persönliche“ Krankheit zu haben, über die sie mit niemandem sprechen durfte, nicht einmal mit ihrem Mann.

    • P.S.: Der großartige Titel lautet „Zivilisation, Mutter!“

    • Das Fehlen der aufklärerischen Gedankenbasis ist in meinen Augen ein nicht zu verachtendes Problem bei asiatischen Religionsbewegungen. Dabei ist es egal, ob sie sich nun zum Theravada oder zum Mahayana, repektive Zen- und Nichiren-Buddhismus, handelt. Und dabei sind Zen- und Nichiren-Buddhismus meiner Meinung nach noch die moderneren Varianten buddhistischer Philosophie. Ich denke aber, der Buddhismus wird sich durch den Westen sehr verändern und vielleicht so etwas wie eine Art Aufklärung durchmachen. Irgendwann finden die meisten Praktizierenden ja wieder zu ihrer Vernunft zurück…😛

  3. Irgendwie ist es aber auch menschlich, sich vorzustellen, es gäbe etwas jenseits von Zufall und Notwendigkeit. Denn die Herrschaft dieser „Ursachen“ ist psychologisch einfach nicht stimmig. Der Mensch neigt nun mal dazu, psychologische Verursachung in die Welt hinauszuprojizieren. Ich glaube, letztlich sind wir alle, nicht mal Dawkins, davon ganz frei. Insofern ist auch solche Karmainterpretation verständlich. Wir können uns nur um Aufklärung bemühen, viel mehr nicht. Denn auch ihre Früchte sind nur Konstruktionen – vielleicht etwas logischer als psychologisch… – unseres Bewusstseins und keine Spiegel der Wirklichkeit.