imyohorengekyo

Über meinen Nichiren-Buddhismus

Die weltlichen Dinge oder das Konzept der Acht Winde

8 Kommentare

Das Konzept der Acht Winde ist eine der ethischen Grundlagen des Buddhismus, die für mich im Alltag eine große Rolle spielen. Im Theravada-Buddhismus heißen die acht Winde „weltliche Bedingungen“ oder „Acht Dinge“ (attha-loka-dhamma). Auch Nichiren schreibt in der Gosho über die Acht Winde und misst ihnen Bedeutung im Mahayana-Buddhismus zu.

Ein wirklich weiser Mensch wird sich nicht von auch nur einem der acht Winde beeinflussen lassen: Wohlstand, Verschlechterung, Schande, Ehre, Lob, Tadel, Leiden und Freude. Er ist weder von Wohlstand berauscht, noch grämt er sich über die Verschlechterung. Die himmlischen Götter werden mit Sicherheit denjenigen beschützen, der sich nicht den acht Winden beugt. (1)

Ich bemühe mich im täglichen Leben darum, mich nicht durch die Acht Winde aus der Bahn werfen zu lassen. Das heißt nicht, dass ich mich über Lob nicht freuen dürfte. Es bedeutet, dass ich mir darüber im Klaren bin, dass die Freude über ein Lob vergehen wird und ich deswegen nicht auf sie bauen sollte. Es bedeutet aber auch, dass mein Leid ebenfalls vergänglich ist und ich aus diesem Grund über mein Leid nicht betrübt sein muss. Es wird vergehen, wie alle Winde vorüber ziehen werden. Auch der Schmerz eines Tadels dauert nicht ewig. Diese Dinge sind nicht änderbar und sollten nicht zu viel Beachtung finden.

Das Konzept der Acht Dinge stammt aus dem Anguttara-Nikaya, der „Sammlung der Angliederungen“, und gehört zum Pali-Kanon des Theravada-Buddhismus, dem Tipitaka.

Pathama-lokadhamma-Sutra im Anguttara-Nikaya:

Acht Weltgesetze, ihr Mönche, folgen dem Weltlauf, und der Weltlauf folgt diesen acht Weltgesetzen. Welches sind sie?
Gewinn und Verlust, Ehre und Verachtung, Lob und Tadel, Freude und Leid.

Gewinn, Verlust, Verehrung und Verachtung,
auch Lob und Tadel, Freude sowie Leid,
gar wandelbar sind diese Weltgesetze,
voll Unbestand, dem Wechsel unterworfen.

Der Weise, der Besonnene durchschaut sie,
erkennt sie als dem Wechsel unterworfen.
Erwünschte Dinge quälen ihn nicht mehr
und auch bei unerwünschten kommt ihm kein Verdruß.

In ihm sind Hingeneigtsein und auch Widerwille
zerstört, vergangen, nicht mehr da.
Die sorgenfreie, laut’re Stätte kennend,
ist zu des Daseins anderem Ufer er gelangt. (2)

Thana-Sutra im Anguttara-Nikaya:

Da trifft einen Menschen der Verlust von Verwandten oder von Besitz, oder er wird von einer Krankheit heimgesucht. Er aber bedenkt nicht: ‚So ist dieses Leben in der Welt beschaffen, so ist es, wenn man eine solche Daseinsform besitzt, daß da acht Weltgesetze dem Weltlauf folgen und der Weltlauf diesen acht Weltgesetzen folgt, nämlich Gewinn und Verlust, Ehre und Verachtung, Lob und Tadel, Freude und Leid (attha lokadhamma).‘ Und betroffen vom Verlust seiner Verwandten oder seines Besitzes oder von einer Krankheit heimgesucht, jammert, stöhnt und klagt er, schlägt sich weinend an die Brust, gerät in Verzweiflung. (3)

Erläutert und weiter vertieft werden die Acht Dinge in Kommentaren verschiedener Autoren des frühen Buddhismus.

Visuddhimagga von Bhadantacariya Buddhaghosa:

Als ‚Weltgesetze‘ (loka-dhamma) gelten 8 Dinge, da diese, solange die Welt besteht, nie aufhören werden, nämlich: Gewinn und Verlust, Achtung und Verachtung, Glück und Unglück, Lob und Tadel. Hier nun wird der Ausdruck ‚Weltgesetz‘ in konventioneller Weise im Sinne von Anlaß gebraucht für die im Gewinn usw. wurzelnde Neigung und den im Verlust usw. wurzelnden Groll. So ist dies zu verstehen. (4)

Mahasanghika Vinaya:

Gewinn und Verlust, Ruhm und Schande,
Lob und Tadel, Freude und Leiden,
all dies ist vergänglich, warum sollte also irgendeines dieser Dinge
Befriedigung oder Unzufriedenheit erzeugen. (5)

Wenn du möchtest, kannst du das Thema mit einem Vortrag von Fred von Allmen „Die acht Winde der Welt und Gelassenheit“ vertiefen. (6)

(1) Nichiren, Gosho „Die acht Winde“, http://www.sgilibrary.org/view.php?page=794
(2) http://www.palikanon.com/angutt/a08_001-010.html#a_viii5
(3) http://www.palikanon.com/angutt/a04_191-195.html#a_iv192
(4) http://www.palikanon.com/visuddhi/vis22_01.htm#loka-dhamma
(5) Buddhabhadra (jp.: Butsudabatsudara) und Fa-Hsien (jp.: Hokken)
(6) MP3-Download und weitere Vorträge von Fred von Allmen hier.

8 thoughts on “Die weltlichen Dinge oder das Konzept der Acht Winde

  1. Hallo lieber Imyohorengekyo,

    ich freue mich über dein buddhistisches Quellen-Wissen – ein Lob😉 – da kann ich noch einiges dazu lernen …

    Mich selbst beschäftigt in diesem Zusammenhang der Begriff „Ethik“: „Rechtes Bemühen“ um etwas, erscheint mir immer etwas anstrengend und auch selten von Erfolg (einem weltlichen Wind) gekrönt.

    Gibt es eine Ethik, die nicht nach diesen 8 „weltlichen Winden“ (Polarisierungen) ausgerichtet ist?

    Mit herzlichem Gruß

    Marianne

    • Vielen Dank…😳

      Mich selbst beschäftigt in diesem Zusammenhang der Begriff “Ethik”: “Rechtes Bemühen” um etwas, erscheint mir immer etwas anstrengend und auch selten von Erfolg (einem weltlichen Wind) gekrönt.

      Interessante Sache. Verstehst du „Rechtes Bemühen“ vielleicht als „richtiges“ Bemühen? Das ist damit nicht gemeint, obwohl du viele europäische Buddhisten laienhaft immer wieder diese Ansicht vertreten hören kannst. „Rechtes Bemühen“ ist buddhistisch immer (!) als „recht“ im Sinne, sich auf dem Pfad der Erleuchtung zu bewegen, gemeint. „Rechtes Bemühen“ könnte man also im Zen damit vielleicht als „einspitzige Konzentration auf dem Pfad“ bezeichnen. In anderen Richtungen könnte es „wirkliche Achtsamkeit in jedem Moment“ bedeuten. Auf keinen Fall beinhaltet es ein Prädikat wie „richtig“ als Gegenteil von „falsch“.

      Solche ein „Rechtes Bemühen“ ist immer und ohne Ausnahme von Erfolg gekrönt. Der kleinste Erfolg dabei ist, dass du dich vorwärts auf dem Pfad bewegst. Ein anderer Erfolg wird sein, dass du deine Person transformierst und veränderst.

      Gibt es eine Ethik, die nicht nach diesen 8 “weltlichen Winden” (Polarisierungen) ausgerichtet ist?

      Haben wir uns vielleicht missverstanden? Ein ethisches Verhalten darf sich nie (!) an den Acht Winden ausrichten. Das ist es ja gerade. Du solltest jemandem helfen, auch wenn du dafür getadelt wirst! Im schlimmsten Falle ist es nötig, dass du dein Leben für die Rettung eines Menschen gibst. Manche Juden haben das Dritte Reich überlebt, weil andere Menschen sie aufgrund ihrer ethischen Überzeugung und unter der Gefahr, das eigene Leben zu verlieren, versteckt haben. Viele andere Menschen mussten sterben, weil die Menschen Angst vor einer Bestrafung durch das Regime hatten. Das ist heute nicht anders als damals. Was wäre, wenn Menschen sich nur durch Lob und Gewinn zu Hilfe verpflichtet fühlen würden? Eine grausame und unwürdige Welt wäre das. Das Dritte Reich war so eine grausame Welt.

  2. “Rechtes Bemühen” ist buddhistisch immer (!) als “recht” im Sinne, sich auf dem Pfad der Erleuchtung zu bewegen, gemeint. “Rechtes Bemühen” könnte man also im Zen damit vielleicht als “einspitzige Konzentration auf dem Pfad” bezeichnen. In anderen Richtungen könnte es “wirkliche Achtsamkeit in jedem Moment” bedeuten. Auf keinen Fall beinhaltet es ein Prädikat wie “richtig” als Gegenteil von “falsch”.

    Solche ein “Rechtes Bemühen” ist immer und ohne Ausnahme von Erfolg gekrönt. Der kleinste Erfolg dabei ist, dass du dich vorwärts auf dem Pfad bewegst. Ein anderer Erfolg wird sein, dass du deine Person transformierst und veränderst.

    Ist das dann ein „Erfolg“, der kein Scheitern und keinen Misserfolg kennt? Ich erlebe mich schon oft „scheiternd“ in meiner Achtsamkeitspraxis. Wenn ich zum Beispiel ein anderes Auto beim Ausparken anremple, dann war ich sicher nicht achtsam genug …

    Meine Frage: Gibt es eine Ethik, die nicht nach diesen 8 “weltlichen Winden” (Polarisierungen) ausgerichtet ist?

    Haben wir uns vielleicht missverstanden? Ein ethisches Verhalten darf sich nie (!) an den Acht Winden ausrichten.

    Mir geht es gerade darum, dass buddhistische Konzept von Ethik zu verstehen und vor allem auch seine praktischen Konsequenzen …

    Wir sind nun mal Menschen und in der Regel nicht 24 Stunden am Tag in zentrierter Achtsamkeit unterwegs. Was sagt die buddhistische Ethik über die Momente, wo ich aus Unachtsamkeit Fehler mache? Bin ich zum Beispiel dafür im Nachhinein verantwortlich? Reicht es aus, sich dann immer wieder neu in Achtsamkeit auszurichten, oder wird eine Wiedergutmachung des entstandenen Schadens verlangt?

    Ich bin zum Buddhismus über eine Achtsamkeitspraxis gekommen, die gar nicht aus dem Buddhismus stammt, deshalb sind mir viele Konzepte dort nicht geläufig. Es interessiert mich wirklich.

    Mit herzlichem Gruß
    Marianne

    • Ich erlebe mich schon oft “scheiternd” in meiner Achtsamkeitspraxis. Wenn ich zum Beispiel ein anderes Auto beim Ausparken anremple, dann war ich sicher nicht achtsam genug …

      In meinen Augen ist das ein zu leistungsorientiertes “Aufmerksamkeitsdenken”. Wenn du beim Einparken ein Auto rammst, warst du nicht aufmerksam genug. Achtsamkeitspraxis bedeutet in meinem Augen, achtsam auf momentane Handlungen zu sein, ohne das Resultat zu beachten oder zu beurteilen. Das Resultat ist nicht wichtig. Ziel soll es sein, über das achtsame Betrachten der Handlungen des Handelnden zu erwachen. Im Vipassana geschieht das z. B. indem jeder Schritt, den man bei der Gehmeditation macht, bezeichnet wird (Fuß heben, Fuß vorwärts, Fuß senken). Die Technik heißt Etikettieren. Das eignet sich für das Einparken von Autos sehr gut. Selbst wenn du dann das Auto hinter dir zu Schrott fährst, kannst du ganz vipassana-buddhistisch etikettieren, indem du das, was du hörst und fühlst, bezeichnest (Fuß drückt Gas, Satz nach hinten, Knirschen, Klirren, Scheppern… etc.). Wenn du da achtsam dabei bist, ist das Achtsamkeitsmeditation. Egal, ob du im Moment etwas richtig oder falsch machst.

      Mir geht es gerade darum, dass buddhistische Konzept von Ethik zu verstehen und vor allem auch seine praktischen Konsequenzen …

      Da habe ich dich wohl falsch verstanden. Im Buddhismus gibt es natürlich auch grundsätzliche ethische Regeln. Diese heißen Silas. Die wichtigsten fünf Silas sind folgende (Wikipedia):

      1. Ich gelobe, mich darin zu üben, kein Lebewesen zu töten.
      2. Ich gelobe, mich darin zu üben, nichts zu nehmen, was mir nicht gegeben wird.
      3. Ich gelobe, mich darin zu üben, keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen auszuüben.
      4. Ich gelobe, mich darin zu üben, nicht zu lügen und wohlwollend zu sprechen.
      5. Ich gelobe, mich darin zu üben, keine Substanzen zu konsumieren, die den Geist verwirren und das Bewusstsein trüben.

      In den verschiedenen Schulen werden sie etwas verschieden praktiziert. Nichiren nennt diese Silas in seinen Goshos die “fünf leichten Regeln”. Sie stellen im Grundsatz keine Gebote wie in der Bibel dar, sondern freiwillige Verpflichtungen.

      Nummer 2 wird zum Beispiel so gedeutet, dass man nicht stehlen sollte. Für einen Menschen der heutigen Zeit ist dieses Sila in dieser Form nicht einzuhalten (im Supermarkt nimmt man immer, ohne dass einem jemand etwas gibt). Nummer 5 wird von vielen Mahayana-Schulen so verstanden, dass ein Bier, Wein oder ein wenig Schnaps nicht schadet. Das vernebelt ja nicht wirklich. Allerdings sind Süchte (Alkohol, Medikamente, Drogen) darunter zu subsummieren, auch Fernsehsucht, Spielsucht, Internetsucht und so weiter.
      Sehr schön, und auch etwas politischer, drückt es für mein Gefühl Thich Nhat Hanh aus: http://www.buddhanetz.org/texte/silas.htm

      Wenn du aus Unaufmerksamkeit Fehler machst oder Menschen verletzt, bist du im Nachhinein tatsächlich dafür verantwortlich. Es reicht nicht aus, einfach wieder die Achtsamkeit neu auszurichten. Es wird eine Wiedergutmachung des entstandenen Schadens verlangt. Im Nichiren-Buddhismus nennt man das Sange. Manche würden jetzt sagen, das sei eine Art “Beichte” oder “Entschuldigung”. Das ist es aber nicht. Das ist ein Verständnis- und Übersetzungsfehler erster christlicher Übersetzer japanischer Schriften. Es ist eigentlich eine Meditation über das wahre Wesen des Lebens gemeint und eine Wiedergutmachung folgt dann aus der Einsicht dieser Meditation. Vielleicht könnte man es auch eine speziell angewandte Metta-Meditation nennen.

      All negative karma arises out of illusion,
      If you would repent, seat yourself properly and contemplate True Reality.
      Wrongdoing is nullified through wisdom, as frost and dew vanish in the sunlight

      Fugen-Sutra (aus Margaret H. Childs, The Influence of the Buddhist Practice of Sange on Literary Form: Revelatory Tales, 1987)

      Ist eine Wiedergutmachung aus bestimmten Gründen nicht möglich, so ist der aufrichtige Wunsch zur Wiedergutmachung zu entwickeln und unter Umständen anderen Menschen stellvertretend etwas Gutes zu tun.

  3. Danke!🙂

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