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Die buddhistische Haltung zum Klonen des Menschen

11 Kommentare

Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Jens Schlieter legt in seinem Aufsatz „Die buddhistische Haltung zum Klonen des Menschen“ dar, warum die ablehnende Haltung der Deutschen Buddhistischen Union zum Klonen des Menschen eher dem common sense des europäischen Humanismus entspricht als einer traditionellen buddhistischen Ethik. Nach Prof. Dr. Jens Schlieter besitzt der Buddhismus keine Argumente und Vorschriften gegen das Klonen oder den Eingriff in die Keimbahn des Menschen. Die buddhistische Ethik deckt dieses Thema in keiner Art und Weise ab. In meinen Augen ist das ein weiteres, sehr gutes Argument für uns europäische Buddhisten, den asiatischen Buddhismus auf den Prüftstand zu stellen. Wir dürfen nicht gedankenlos überkommende Vorschriften und Regeln kopieren und damit das Erbe der Aufklärung, die Grundlage unserer geistigen Freiheit, preisgeben.

11 thoughts on “Die buddhistische Haltung zum Klonen des Menschen

  1. Die Frage, die sich mir stellt ist, weshalb die DBU sich überhaupt dazu äußern sollte.

    Wenn der Buddhismus nichts dazu hergibt, dann ist die Frage bei einer buddhistischen Organisation evtl. einfach falsch? Die DBU äußert sich ja auch nicht zu unterschiedlichen Interpretation der Quantenphysik.

    • Wenn der Buddhismus nichts dazu hergibt, dann ist die Frage bei einer buddhistischen Organisation evtl. einfach falsch?

      Die Frage ist nicht nur bei einer buddhistischen Organisation falsch, sondern sie ist auch bei einer christlichen oder moslemischen falsch. Wenn Christen oder Juden heute nach der Bibel leben würden, dürften keine Schuhe aus Schweinsleder getragen werden (3. Buch Mose 11:16-18, Berührungsverbot), Stoffe nicht aus verschiedenen Materialien bestehen (z.B. Baumwolle und Polyamid, Buch Mose) und schwule Männer müssten umgebracht werden:

      Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Greuel verübt. Sie müssen getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen. (3. Buch Mose 20:13)

      Übrigens müssten auch alle getötet werden, die an einem Samstag arbeiten (2. Buch Mose 35:2). Die DBU folgt einem Trend, dem viele Organisationen folgen. Es gibt viele Menschen, die können oder wollen ihren eigenen Verstand nicht gebrauchen und folgen lieber Verhaltensregeln, die von größeren Menschengruppen (den betreffenden Organsiationen) aufgestellt werden. Ein Beispiel sind hierfür sind die kirchlichen Gruppierungen in unserem Land. Die geben auch in schöner Regelmäßigkeit ethische Beurteilungen der heutigen Zeit zum Besten.

      Die DBU versucht eine Kirche zu sein. Oder zumindest ein kirchlicher Rat, wie der Ratszusammenschluss der evangelischen Kirchen.

      In meinen Augen sollten solche Bewertungen der Wissenschaft nach interdisziplinären Untersuchungen vorbehalten bleiben. Alles andere ist ein Verrat an der europäischen Aufklärung. Wissenschaft ist tatsächlich in der Lage, Antwort auf moralische Fragen zu geben.

      • Wissenschaft ist tatsächlich in der Lage, Antwort auf moralische Fragen zu geben.

        Ist das wirklich so? Ich hab mal einen Vortrag von Sam Harris dazu gesehen und im Anschluss hat jemand genau die Frage gestellt, die mir auch aufkam. Sam Harris hat es damals nicht geschafft die zu entkräften.

        Die Frage war sinngemäß: wo wollen wir hin? Also vielleicht kann Wissenschaft uns zeigen, wie wir leben müssen um gesund/frei/glücklich zu sein. Aber die Frage ob wir gesund/frei/glücklich sein wollen müssen wir uns immer noch selbst beantworten.

        Die Frage „wie wollen wir leben?“ ist ja gerade der Bereich wo Politik anfängt. Und dort gehört eine Frage, die gesetzlich beantwortet werden muss meiner Meinung nach auch hin. Dann hat man eine öffentliche Debatte, jeder ist aufgerufen sich selbst eine Meinung zu bilden und das ganze ist demokratisch legitimiert.

        Wenn Wissenschaft auch diese Frage beantworten kann wäre das natürlich spannend. Gibts da Literatur dazu?

  2. Das ist quer über die Literatur verstreut. Überall ein bisschen. Kleines Beispiel:

    Sollte Homosexualität in einem Staat erlaubt sein?

    Das ist wohl eine moralische Frage. Nach der Bibel müsste da die Todesstrafe ran (wird in den USA auch von einigen Gruppen für Homosexuelle gefordert) und auch buddhistische Mönche, allen voran der Dalai Lama, äußern sich gegen Homosexualität, obwohl das die buddhistische Lehre nicht hergibt.

    Gerade zu diesem Thema gibt es lustige Untersuchungen beim Menschen. Die Wissenschaftler haben die Fitness der jeweiligen Familienverbände untersucht, in denen Homosexualität vorkommt. Fitness ist hier im erweiterten Darwinschen Sinne gemeint. Dabei stellte sich heraus, dass die Familenverbände mit homosexuellen Paaren mehr Nachwuchs haben. Es wurden Familien mit schwulen Männern untersucht. Heterosexuelle Geschwister von homosexuellen Männern haben statistisch signifikant mehr Kinder als vergleichbare heterosexuelle Individuen ohne männliche homosexuelle Geschwister. Homosexualität ist also „gut“ für die Gesellschaft und lässt die Gesellschaft sogar anwachsen. Das würde vielleicht auch erklären, warum Homosexualität nie ausgestorben ist. Klar, es ist evolutionsbiologisch nützlich für alle.

    Auf diesem Weg kann die Wissenschaft moralische Fragen beantworten. Wie müsste also die wissenschaftliche Antwort auf diese moralische Frage lauten?

    Dann hat man eine öffentliche Debatte, jeder ist aufgerufen sich selbst eine Meinung zu bilden und das ganze ist demokratisch legitimiert.

    Bei moralischen Fragen bin ich absolut gegen Demokratie und gegen eine öffentliche Debatte. Ich bin auch absolut gegen Basisdemokratie.

    60 Prozent der Deutschen sind gegen Homosexualität und es werden immer mehr. Ließe man diese Leute die Gesetze basisdemokratisch machen, müsste ich auswandern.

    Was dabei rauskommt, sieht man auch ganz gut, wenn man nach Emden schaut. Ein Lynchmordaufruf an einem Unschuldigen. Man traf sich sogar wie im Wilden Westen vor der Polizeistation. Und das war bestimmt nur die Spitze des Eisbergs.

    Bitte keine Basisdemokratie. Davor habe ich Angst. Dann landen wir im Vierten Reich.

    • Das ist ein interessantes Beispiel. Wer sagt denn dass wir Fitness im darwinschen Sinne als Maß nehmen wollen? Mal angenommen der Trivialschluss „Homosexuelle bekommen keine Kinder -> mehr Homosexualität führt zu weniger Kindern“ wäre aktueller Forschungsstand (z.B. weil die Methoden noch nicht fortgeschritten genug sind).

      Würden wir dann Homosexualität ächten wollen? Ich nicht. Im Zweifel hätte ich lieber eine Gesellschaft, die lebenswert ist als eine überlebensfähige.

      (Deine Bedenken zur Basisdemokratie teile ich ein stückweit, wobei man auch im Parlament Mehrheiten gegen Minderheiten haben kann. In beiden Fällen hoffe ich doch sehr, dass die Verfassung dazwischen stünde.)

      • Unsere Wissenschaft ist weit genug. Wir müssen nicht künstlich irgendwelche Szenarien erzeugen, die keine gesellschaftliche Realität darstellen. Das ist mir zu imaginär. Die meisten unserer heutigen moralischen Probleme lassen sich mit Wissenschaft lösen. Nenne mir ein reales moralisches Problem, das sich nicht mit Wissenschaft lösen ließe

        Natürlich kann man im Parlament auch die Mehrheit gegen eine Minderheit haben. Aber: Die Mehrheit der Deutschen ist gegen die schwule Ehe. Die Mehrheit der Deutschen ist auch für ein Kussverbot für schwule Männer zu haben. In den USA ist das in einigen Staaten schon Realität. Trotzdem sind diese Meinungen wegen der wissenschaftlichen und säkularen Ausrichtung unserer Parlamente auch mit einer Mehrheit im Rücken nicht durchzusetzen. Nur mit einem Putsch ginge das. Das finde ich an unserer Vertreterdemokratie, oder wie das heißt, ganz gut.

        Ich vertraue der Wissenschaft und dem aufgeklärten Verstand. Man kann nicht einfach behaupten, was wäre, wenn die Erde eine Scheibe wäre. Ist sie nicht!

        Noch ein kleiner Nachtrag…

        Gerade Fragen wie „Wo wollen wir hin?“ sind sehr gut wissenschaftlich zu lösen. Einfach Millionen von Fragebögen erstellen und ganz Deutschland ausfüllen lassen. Dann alles durch einen Supercomputer jagen. Warum wird es nicht gemacht? Weil es niemand interessiert, was Menschen wie du und ich wirklich wollen. Es interessiert nur, was wir kaufen und ob wir morgen zur Arbeit gehen. Das kannst du auch mit Hilfe von Wissenschaft durchschauen. Dafür brauchtst du keinen Buddhismus.

        Nimm so etwas wie das bedingungslose Grundeinkommen. Das wäre sogar billiger für unseren Staat als die herkömmlichen Sozialleistungen. Sogar Wirtschaftswissenschaftler der CDU sagen das. Warum will das niemand mit einer breiten Mehrheit durchsetzen? Weil die Menschen dann unabhängiger sind. Und unabhängige Menschen sind gefährlicher.

  3. Hm, eventuell habe ich da auch einen zu engen Wissenschaftsbegriff. Wenn man nicht-Naturwissenschaften dazunimmt verändert das natürlich viel.

    Ansonsten bin ich immer skeptisch wenn Menschen so tun als ob Wissenschaft alles könnte, weil das Irren zur Wissenschaft dazugehört (Falsifizierbarkeit, sich-empor-irren etc.)..

    Der Grund weshalb ich darauf immer bestehe ist, weil ständig mit „bei Sachverhalt XY hat sich die Wissenschaft vor 10 Jahren aber geirrt“ gegen Wissenschaft argumentiert wird. Dabei ist das ja gerade das Tolle, das man dort Fehler entdeckt und korrigiert (anders als z.B. in der Religion).

    Lustigerweise bin ich vorher in das selbe Argumentationsschema reingetappt. Interessant. Mal genauer drüber nachdenken…

  4. Der Grund weshalb ich darauf immer bestehe ist, weil ständig mit “bei Sachverhalt XY hat sich die Wissenschaft vor 10 Jahren aber geirrt” gegen Wissenschaft argumentiert wird. Dabei ist das ja gerade das Tolle, das man dort Fehler entdeckt und korrigiert (anders als z.B. in der Religion).

    Gerade das finde ich an der Wisssenschaft ja so gut. Wahrheit entsteht aus „try and error“, Rede und Gegenrede oder aus These und Antithese und so weiter. Auf jeden Fall entsteht Wissenschaft durch Diskussion und Dialog. Und durch (ganz wichtig!) Erhebung von Daten. Wissenschaft ist das einzige System, das selber mit Mitteln des eigenen Systems kritisiert werden kann.

    Ist ja ganz nett, wie die Amish zu leben, aber nicht so mein Ding. Genau das stünde uns bevor, wenn wir uns auf die Moral und Bewertung der Welt durch die Religion verlassen würden.

  5. Ich habe gestern noch diesen (siehe unten) Vortrag von Sam Harris gesehen. Meinst du den? Ich denke nicht, dass er da etwas zu entkräften hätte. Er stellt sein Thema nur etwas sehr plakativ und provokant dar. Deswegen muss er sich plakative Fragen gefallen lasssen. Nur gerecht. Er sagt, worum es grundsätzlich geht. Wie erzeuge ich Glück und vermeide Leid? Da alle Menschen gleich sind, muss es bei allen Menschen ähnlich sein.

    Ich bevorzuge für diese Entscheidung den Utilitarismus. In meinem obigen Beispiel würde das bedeuten, das ”Leid” der konservativen Heterosexuellen wird dadurch gemindert, dass man ihnen wissenschaftliche beweist (Datenerhebung etc.), dass durch die Erlaubnis schwuler Ehen die Zahl der geborenen Kinder nicht weniger wird. Gleichzeitig wird dadurch das Glück der Homosexuellen gefördert. Manchmal wird ein solches Erkenntnisverfahren ja auch in europäischen Ländern praktiziert. In den USA sind solche Argumentationen neu und sehr wichtig.

    Ganz toll, was er am Ende auf die Frage sagt, ob er seine Meinung ändern würde, wenn herauskäme, dass Frauen unter einer Burka glücklich wären:

    Nun ja, eine offensichtliche Tatsache ist, dass man jemanden lieben kann im Kontext eines komplett wahnhaften Glaubenssystems. Man kann also sagen: „Weil ich wusste, dass mein schwuler Sohn in die Hölle fahren würde, wenn er einen Freund gefunden hätte, habe ich ihn geköpft. Und das war das barmherzigste, was ich tun konnte.

    😆

    Klasse! Gut ausgedrückt! Interessant, dass er in seiner Antwort science-fiction-mäßige Gehirnscans anführt, um herauszufinden, ob die betreffenden Menschen glücklich sind. So lange das nicht geht, müssen eben Fragebogen herhalten, wie ich oben vorgeschlagen habe. Aber: Unsere Steuermänner und-frauen haben nicht wirklich Interesse daran, dass die Menschen glücklich sind. Bis das Interesse am Glück anderer bei allen Menschen entwickelt ist, kann es noch etwas dauern. Buddhismus kann auf diesem Weg im Hier und Jetzt etwas behilflich sein.

    Sam Harris: Science can show what’s right

    • Das war nicht der Vortrag den ich gesehen habe und du hast Recht er entkräftet bei TED bereits während des Vortrags meine Bedenken.

      Ich vermute mal der TED-Vortrag kam etwas später und er hat laufend seinen Vortrag verbessert ^^

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