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Über meinen Nichiren-Buddhismus

Nichiren und der späte Tag des Gesetzes oder das Problem mit der Mappo-Ära

2 Kommentare

Ein besonderes Thema, das meiner Meinung nach im Nichiren-Buddhismus mit etwas Vorsicht betrachtet werden sollte, ist Nichirens Betonung der Mappo-Ära, d. h. das Zeitalter des späten Tages des Gesetzes. Für mich besitzt das Thema in unserer Zeit keine wirkliche Relevanz. Eine Art von Eschatologie gab es zu jeder Zeit in jeder Philosophie und in jeder Religion. Besser drückt sich der Asso-Blog aus: Mappô, das Zeitalter des Dharma-Verfalls, ist jederzeit.

Vielmehr ist und war mappô stets gegenwärtig. Auf einer gedachten Zeitachse werden wir immer wieder Beispiele dafür ausmachen, und ein paar aktuelle und hier immer mal wieder anzureißende […].

Trotzdem lohnt es sich, Nichiren gerade in diesem Thema verstehen zu lernen. Gerade aus dieser Denkweise ergibt sich seine radikale Haltung, die ihm heute zum Vorwurf gemacht und von manchen falsch verstanden wird.

Nichiren lebte in einer Zeit (1), die von Naturkatastrophen, Epedemien und Hungersnöten geplagt wurde. (2) Dazu kam die Bedrohung Japans durch die Mongolen. (3) In all diesem Chaos übernahmen die Samurai, der Kriegerstand, die Macht im feudalen Japan. Die Samurai schoben sich langsam, aber sicher und brutal, zwischen herrschenden Besitzadel, den Kaiser und das Volk. (4) Nichiren erlebte diese Machtübernahme am eigenen Leib, da sein Tendai-Tempel Seichoji von den Beamten des Shogunats auf verschiedene Art bedrängt wurde. Der oberste Shogunatsbeamte benutzte das Tempelgelände zur Jagd auf die dort ansässigen Rehe (5) und das Shogunat drängte die Tendai-Mönche zur Konvertierung zum Nenbutsu. Ziel der Belästigungen war die Übernahme des Tempelgeländes aus dem Besitz des Gutsherren in den Besitz des Shogunats. Nichiren war an diesen Auseinandersetzungen beteiligt, da er auch juristische Bildung besaß und für seinen Gutsherren ein Gerichtsverfahren einleitete, das in seinem Sinne entschieden wurde. (6) Die Macht der Samurai vergößerte sich immer weiter und schaffte die alte Ordnung der Welt Nichirens in bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den Clans ab. 200 Jahre später stellten einzelne Familien Heere von bis zu 85.000 (!) Soldaten auf. Das war seinerzeit für europäische Verhältnisse unvorstellbar. (7) In diesem Chaos existierten mindestens 10 verschiedene Buddhistische Schulen, die jeweils für sich die Wahrheit beanspruchten und diesen Zustand nicht ändern konnten. (8)

Duckleaves

Nichiren war vollkommen überzeugt, das diese Verhältnisse das Ergebnis der Verleugnung des buddhistischen Dharmas darstellten. Für einen Menschen im feudalen Mittelalter nicht ungewöhnlich. Auch in Europa bereitete man sich zeitgleich auf das Ende der Welt vor. (9) Niemandem war damals bekannt, dass unter den japanischen Inseln vier tektonische Platten aneinanderstoßen und Japan direkt an einem Tiefseegraben auf dem Pazifischen Feuerring liegt. Also mussten es natürlicherweise die Verstöße der Menschen gegen den Dharma sein, die Erdbeben und Tsunamis hervorriefen.

Nichiren war einer der gelehrtesten Männer seinerzeit und nach 20 Jahren Studium verschiedener Schulen des Buddhismus kannte er sich mit dem in Japan sehr verbreiteten Mappo-Glauben aus. Dieser gründete sich vor allen Dingen auf die Schrift “Die Leuchte in der Endzeit des Dharma” des Tendai-Gründers Dengyo Daishi aus dem Jahr 801. (10) Allerdings beruft sich Nichiren auch auf andere Quellen, wie das “Sutra der großen Versammlung” (Mahasamnipata Sutra, Daijikkyo Sutra, Sutra of the Great Assembly oder Great Collection Sutra). In beiden Quellen wird eine unterschiedliche Anzahl von Zeitaltern angegeben, aber beide Quellen kommen zum Ergebnis, dass die Endzeit des Dharma 2000 Jahre nach dem Tode Shakyamunis beginnt. (11)

Stand der buddhologischen Wissenschaft zu Zeiten Nichirens war, dass Buddha Shakyamuni von 1029 v. Chr. bis 949 v. Chr. lebte. Alle buddhistischen Lehrer seinerzeit waren sich mit Nichiren darüber einig, dass sich Japan daher rechnerisch in der “Endzeit der bösen Welt” (12) des Lotos-Sutras befand. (13) Hinzu kam Nichirens persönlicher Glaube an die absolute Authentizität des Lotos-Sutras. Nichiren war der Überzeugung (wie wohl andere buddhistische Gelehrte seiner Zeit auch), dass das Lotos-Sutra von Shakyamuni höchstpersönlich in den letzten acht Jahren seines Lebens gelehrt und verbreitet wurde. (14) Heute wissen wir, dass das Lotos-Sutra vermutlich unter mehreren Autoren im 1. bis 2. Jahrhundert n Chr. (also ca. 400 – 700 Jahre nach Buddha Shakyamunis Tod) entstand und um 350 n. Chr. in Kuqa (heutiges China) von Suryasoma, dem Lehrer Kumarajivas, aus Einzelteilen zusammengesetzt und aufgezeichnet wurde. Da sich Nichiren für das Lotos-Sutra als Zentrum seiner Lehre entschieden hatte, entlehnte er den Mappo-Gedanken auch dort und ging noch einen Schritt weiter, indem er sich als Vollender der Weissagungen im Lotos-Sutra ansah.

Wenn da ein Bodhisattva ist, der in künftiger böser Zeit […] dieses Sutra zu predigen wünscht, […]
Er soll beständig den Umgang mit dem Landes-König, dem Kronprinzen, den Ministern, Beamten und den Älteren, […] Mit Chandalas, Häretikern und Brahmacarins meiden. (15)

Nichiren sah sich genau in dieser Rolle und erfüllte später diese Forderung mit der Rissho Ankoku Ron. Er trat damit genau den oben genannten Personen entgegen. Allerdings nahm er es mit der wortgetreuen Auslegung seiner Quellen nicht so ganz genau.

Genauso verhält es sich auch mit mir, Nichiren, der ich in diesem Leben arm und auf niedriger sozialer Stufe in eine Chandala-Familie geboren wurde. (16)

Das schrieb er im Brief von Sado und setzte sich zeitlebens mit seiner ganzen Kraft gerade für die Belange der einfachen, armen und misshandelten Menschen, also Chandalas, der untersten Schicht der feudalen Gesellschaft Japans ein. Dass er in diesem Fall die weiter oben zitierte Stelle des Lotos-Sutras einfach ignorierte, machte ihn so zu einem absolut politischen und für die damalige Zeit sehr gefährlichen Menschen. Er wusste genau, wie er die Schriften einsetzen musste, um größere Dinge anzuschieben. Auch beim Mappo-Gedanken nahm er es mit den Worten und Bedeutungen nicht immer so ganz genau. Die “Endzeit der bösen Welt” (17), die das Lotus-Sutra als die fünfhundert Jahre nach Buddha Shakyamunis Tod definiert, deutete Nichiren einfach in die fünfte Periode der fünfhundert Jahre nach Buddha Shakyamunis Tod um, was ihm immens weitreichendere Deutungsmöglichkeiten eröffnete. (18)

Für Nichiren folgte daraus, dass unbedingt eine Ausübung verbreitet werden musste, die den Dharma nicht mehr verletzte und für seine Interpretation der Mappo-Ära (Später Tag des Gesetzes) taugte. Dafür eignete sich seiner Meinung nach nur das Lotos-Sutra, weil es die Gleichheit der Menschen als einziges Sutra neben dem Nirvana-Sutra betont und mit dem Nirvana-Sutra die Buddhaschaft in jedem Menschen offenbart.

Es ist dabei kein Wunder, dass Nichiren seinerzeit Zen ablehnte und als “Teufelswerk” bezeichnete. Die damalige Schule des japanischen Zen lehnte Schriftstudium komplett ab und ging sogar soweit, Sutras und buddhistisches Studium als völlig nutzlos und überflüssig zu erklären. (19) Für Nichiren, der 20 Jahre mit dem Studium von Sutras und der buddhistischen Philosophie verbrachte, ohne Frage ein absolutes Unding und die Verletzung des Dharmas schlechthin. Honen musste eine nicht zu überbietende Provokation für Nichiren darstellen, indem er schrieb “Wer im Paradies wiedergeboren werden will, spreche einfach Namu Amida Butsu und glaube ohne jeden Zweifel an diese Wiedergeburt. Weiter ist nichts erforderlich”. (20) Für Nichiren war es außer Frage, dass das Analphabetentum in Japan nicht eine spezielle Lehre erforderlich machten, wie Honen glaubte: “Wer auf das Nenbutsu vertraut, verhält sich wie ein einfacher, des Lesens und Schreibens unkundiger Mensch, selbst wenn er alles, was Shakyamuni während seines ganzen Lebens lehrte genau studiert hat.” (21) Für Nichiren war klar, dass den Menschen die Gegelegenheit gegeben werden musste, eine Lehre zu praktizieren, die sie größer und stärker machte und weiter brachte. Daraus resultiert meiner Meinung nach seine absolute Ablehnung des Zen und des Amithaba. Seinerzeit eine moderne und politische Einstellung, ist diese heute nicht mehr haltbar, da sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen geändert haben.

Was macht also die unverwechselbare Art von Nichiren aus? Für mich auf der einen Seite ganz klar seine politische Art und Weise, den Buddhismus in die Gesellschaft zu tragen und im täglichen Leben danach zu handeln. Heute ist dies kein exklusiver Anspruch mehr, das machen andere Schulen auch. Und ehrlich gesagt, in größerem Umfang als die Nichiren-Schulen es tun. Auf der anderen Seite liegt für mich die Unverwechselbarkeit von Nichirens Lehre auch darin, dass sie mich innerlich aufrichtet und mir sagt, dass ich schon immer komplett und gut war und bin. Das ist für mich wie eine Rüstung im täglichen Leben und in der Auseinandersetzung mit meinen Problemen. Aber auch das ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Die Lehre des Chögyam Trunpa erinnert mich an einigen Stellen an die Lehren des Daishonin. (22) Ich bin mir sicher, dass Chögyam Trungpa in buddhistischer Lehre sehr bewandert war und auch die Lehre Nichirens kannte. Eine weitere Botschaft des Daishonin liegt für mich darin, dass der Dharma-Verfall de facto zu jeder Zeit stattgefunden hat und praktisch jederzeit stattfindet. Den Verfall in seiner Umgebung zu erkennen und ihm dann entgegen zu wirken, ist eine Aufgabe, der wir uns unabhängig unserer buddhisischen Richtung stellen sollten.

(1) Nichiren wurde am 16. Februar 1222 geboren und starb am 13. Oktober 1282.
(2) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 61 f.
(3) Angriff der Mongolen, http://www.welt-der-samurai.de/mongolen.html
(4) Welt der Samurai, http://www.welt-der-samurai.de/geschichte.html
(5) Nach der buddhistischen Mythologie hielt Shakyamuni Buddha seine erste Lehrrede bei Benares in einem Park mit Rehen.
(6) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 84 – 85
(7) Der Onin-Krieg, http://www.welt-der-samurai.de/geschichte.html#historie
(8) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 58
(9) http://de.wikipedia.org/wiki/Antichrist#Mittelalter
(10) The Candle of the Latter Dharma, http://nichirenscoffeehouse.net/books/Candle.html
(11) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 81 – 82
(12) Borsig, Lotos-Sutra, S. 301
(13) http://de.wikipedia.org/wiki/Vier_neue_buddhistische_Schulen
(14) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 82
(15) Borsig, Lotos-Sutra, S. 253
(16) Nichiren, Der Brief von Sado, Dt. Gosho, S. 169, engl: http://www.sgilibrary.org/view.php?page=303, linke Spalte, letzter Absatz
(17) Borsig, Lotos-Sutra, S. 301
(18) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 82 – 83
(19) Matsudo, Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra, S. 66 – 68
(20) Rolle, Jodo Shinshu, Genese und Lehre einer japanischen Tradition des Mahâyâna sowie ihre Reflexion im Rahmen der Evangelischen Systematik, S. 150
(21) Honen, Ichimaikishomon, Ein-Seiten-Testament
(22) Trungpa, Weltliche Erleuchtung, Der essentielle Trungpa

2 thoughts on “Nichiren und der späte Tag des Gesetzes oder das Problem mit der Mappo-Ära

  1. Vielen Dank für deinen Text, der einen interessanten Einblick bietet, der mir sonst verwehrt geblieben worden wäre.

    Ajahn Buddhadasa hat oft das Dhamma auch als Gesetz der Natur interpretiert und mehrmals gesagt, dass im Einklang mit dem Dhamma zu leben bedeutet, in Harmonie mit seinen Mitmenschen und der Natur zu leben. In diesem (sehr abstrakten) Sinne kann man tatsächlich jede Form von Unrecht und Gewalt darauf zurückführen, dass die Menschen nicht im Einklang mit dem Dhamma leben.

    Ob Chögyam Trungpa Nichiren kannte weiss ich nicht, aber es ist immer wieder erstaunlich wie gut höhere Vajrayana-Mönche ausgebildet sind. Chögyam Trungpa hat selbst einmal geschrieben, dass man den Theravada- und den Mahayana-Buddhismus kennen und verstehen muss um Vajrayana zu verstehen.